Warum Aloe Vera keine Innereien ersetzen kann

Warum Aloe Vera keine Innereien ersetzen kann

Vielleicht ist das eine ganz subjektive Wahrnehmung, aber es scheint mir manchmal so, als könne man in Sachen Rohfütterung z.T. verstärkt etwas seltsame Auswüchse beobachten.

Zum Beispiel, den Bestandteil Innereien komplett durch Aloe Vera ersetzen zu wollen.

Und bevor Du jetzt denkst: “WTF?!” – nee, das ist kein wildes Hirngespinst von mir. Im Gegenteil, es ist gar nicht so selten, dass man auf diese Empfehlung stößt.
Tenor ist dabei, dass Innereien nicht gefüttert werden sollten, weil z.B. Leber und Niere als Entgiftungsorgane stark belastet und damit schädlich seien.

Als Lösung wird  Aloe-Vera-Gel genutzt, da die Aloe Vera alle Vitamine und Spurenelemente liefere wie Innereien auch. Und die Versorgung des Hundes damit auch ohne “schädliche” Innereien optimal gewährleistet sei.

Jetzt muss ich fairerweise sagen, dass bei den Hunden, bei denen ich bislang mit diesem Phänomen zu tun hatte, auch noch andere gesundheitliche Einschränkungen eine Rolle spielen. (Wobei in solchen Fällen eine bedarfsgerechte Fütterung eigentlich besonders wichtig ist). Aber zusätzlich auffällig waren plötzliche Hautprobleme, erhöhte Infektanfälligkeit, rasche Ermüdung und / oder verstärktes Fressen von Kot oder Pflanzen.

Fakt ist: Werden Innereien in der Rohfütterung weggelassen, müssen sie anderweitig ersetzt werden. Soweit alles richtig.

Nur – Aloe Vera Gel alleine kann das nicht leisten.

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Aloe Vera – ein Superfood?

Aloe-Vera-Gel (manchmal auch als Saft bezeichnet, je nach Hersteller) ist eine klare, fast farblose, leicht dicklich- zähflüssige Masse.
Das Gel wird aus dem Inneren der dickfleischigen  Aloe-Blätter hergestellt.  Sie sind wie alle Sukkulenten-Blätter reich an Feuchtigkeit, der Hauptbestandteil ist also Wasser. Die abführenden Stoffe in der Aloe Vera sind dagegen vorrangig in dem Saft der äußeren Blattschichten enthalten.

Die Flüssigkeit der Aloe-Vera-Blätter ist klebrig-schleimig, was den enthaltenen Polysacchariden geschuldet ist. Genauer sind das z.B. Glucose, D-Mannose oder Galactose. Nachgewiesen wurden außerdem verschiedene Aminosäuren und B-Vitamine.

Viele Hersteller von Aloe-Vera-Produkten führen vor allem die Vielzahl an Inhaltsstoffen an, die in der Aloe Vera enthalten sind: In der Gesamtbilanz insgesamt über 200 verschiedene Vitamine, Spurenelemente, fast alle essentielle Aminosäuren, sekundäre Pflanzenstoffe. Wobei das bei Pflanzen generell nicht so selten ist, aber es klingt selbstverständlich ziemlich beeindruckend, wenn man das auflistet.

Nur leider lassen viele Hersteller eine genau aufgeschlüsselte Analyse dieser benannten Inhaltsstoffen vermissen.

Verpflichtend ist eine genaue Analyse keinesfalls, denn die Gels werden oft als Lebensmittel oder Nahrungsergänzungen verkauft, es müssen also nur die Zusatzstoffe zwingend angegeben werden, z.B. Stabilisatoren wie Vitamin C (Ascorbinsäure) oder Xanthan.

Herausgestellt wird aber meist genau der Vitamin C -Gehalt sowie der Vitamin E-Gehalt.

 

Was liefern Innereien?

Nun geht es uns bei der Fütterung von Innereien aber ja gar nicht vorrangig um Vitamin C und nur in Maßen um Vitamin E.
Denn beides wäre tatsächlich sehr einfach über andere Futterbestandteile zu ersetzen.

Wenn kein erhöhter Bedarf beim Hund vorhanden ist, synthetisiert der Hund Vitamin C im Normalfall ausreichend selbst. Und wenn Du nach BARF fütterst, hast Du auch Gemüse und Obst in der Fütterung – um Vitamin C muss man sich beim Hund wirklich nur Gedanken machen, sofern bestimmte Erkrankungen vorliegen.

Aber entscheidender sind  Vitamin A, verschiedene B-Vitamine, insbesondere B12, sowie Eisen, Kupfer, Zink und Selen.

Beispiel: Vitamin A

Kann man keine Leber füttern, ist es z.B. gar nicht sooo einfach, den Vitamin-A-Bedarf über andere Quellen in ausreichender Menge zu decken. Man benötigt dazu in der Regel eine sorgsam zusammen gesetzte Kombination unterschiedlicher Futterbestandteile.

Nun ist mir z.B. keine Quelle bekannt, die Aloe Vera als herausragenden Vitamin-A-Lieferanten benennt.
Beachten müsste man zudem, dass pflanzliche Futterbestandteile Provitamin A enthalten. Was bedeutet, dass davon in Relation mehr aufgenommen werden muss als von Vitamin A aus tierischen Quellen (Retinol).

Wie wahrscheinlich ist es also, dass z.B. ein Aloe Vera Gel, das in recht kleinen Mengen gefüttert wird, ohne künstlich zugesetztes Vitamin A den Bedarf decken kann? Vor allem, wenn man sich überlegt, dass der Hauptbestandteil der Aloe-Vera-Blätter ja nun einmal Wasser ist? Hm.

Ähnlich sieht es bei  anderen Nährstoffen aus, die in Innereien stecken, also z.B. Eisen, Kupfer oder Zink. Für keines der genannten Spurenelemente ist die Aloe Vera als besonders herausragend bekannt.

Man müsste also vermutlich sehr hohe Mengen eines Gels füttern, damit man ansatzweise in Richtung Bedarfsabdeckung käme.
Die empfohlenen Mengen bewegen sich in der Regel so um zwischen 20-50 ml für einen 20 kg-Hund und Tag, wobei die Angaben dazu alles andere als einheitlich sind.

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Sind Innereien schadstoffbelastet?

Kommen wir zur nächsten Frage: Was ist dran an der Schadstoffbelastung?

Das Argument, dass insbesondere Leber und Niere besonders schadstoffbelastet seien, weil sie “Entgiftungsorgane” sind – das ist so ein typischer Fall von “jein”.

Das kann man am besten erklären, wenn man sich anschaut, was Leber und Niere im Körper leisten.

Zu den Funktionen der Leber gehört zum einen, Vitamine und Spurenelemente zu speichern (in unterschiedlichen Mengen und unterschiedlich lange) und sie in den Blutkreislauf einzuspeisen. Das ist das, was sie für uns als BARFer so wertvoll macht.

Aber zum  anderen natürlich auch, dass Stoffwechselnebenprodukte umgebaut und ausgeschieden werden.

Das funktioniert bei den meisten Stoffen und Stoffwechselprodukten unproblematisch. Es gibt jedoch Stoffe, bei denen dieser Kreislauf nicht so einfach funktioniert. Bekannt geworden ist diese Problematik beim Cadmium, weswegen die Bundesregierung in den 70er Jahren die Empfehlung heraus gegeben hat, nicht zu viele Innereien zu essen.

Nun sind die 70er-Jahre des letzten Jahrtausends schon eine ganze Weile her und wie das so ist: Die Welt verändert sich.

Mittlerweile sind Schadstoffbelastungen in der Umwelt deutlich stärker gesetzlich reglementiert.
Für die verarbeitende Industrie sind Filteranlagen vorgeschrieben, das Benzin ist mittlerweile bleifrei. Daher gelangen Schwermetalle wie eben Cadmium auch nicht mehr in dem Maße in Fleisch und Innereien, wie es eben noch in den 70er Jahren der Fall war.

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Das Max-Ruber-Institut, das für die Risikobewertung von Lebensmitteln zuständig ist, hat die damalige Einschätzung offiziell entsprechend korrigiert.
Bei Nieren von Rindern und Nutztieren konnte noch eine etwas höhere Cadmium-Belastung festgestellt werden, Leber hingegen wird nicht explizit erwähnt.

Die Ansammlung von Schadstoffen hängt zudem auch von der Lebensdauer des Masttieres ab.

Je älter, desto mehr Schadstoffe können sich im Körper ansammeln, das ist leider bei jedem Lebewesen so. Gar nicht so sehr in der Leber oder in der Niere, sondern auch im Depotfett des Körpers.
Allerdings sollte man dazu  im Hinterkopf behalten, dass Masttiere heute im Normalfall nicht sehr alt werden. Fleisch-Hähnchen  z.B. erreichen nach etwa 35 Tagen die Schlachtreife, bei Rindern sind es so zwischen 12 und 24 Monaten, im Schnitt 15-18 Monate.

 

Keine Rohfütterung = Problem gelöst?

Falls Du Trockenfutter fütterst und jetzt denkst: “Siehste, hab ich doch immer gewusst, alles richtig gemacht” – nee, ganz so einfach ist es halt nicht.

Schwermetalle z.B. verschwinden nicht einfach, weil sie erhitzt werden. Innereien sind günstig, deswegen sind ist der Anteil im Trockenfutter und auch im Nassfutter meistens höher als bei der Rohfütterung.

Und der zweite ganz wichtige Faktor, der auch die Cadmium-Belastung von Innereien sehr relativiert: Das meiste aufgenommene Cadmium stammt aus Getreide (allen voran Weizen) und Ölsaaten. Und die machen prozentual oft einen deutlich höheren Anteil im Trockenfutter aus als Niere in der Rohfütterung. Oder meinetwegen auch Leber und Niere zusammen.

 

Fazit

Versteh mich nicht falsch: Aloe Vera ist eine wunderbare Pflanze, die äußerlich angewendet zur Wundheilung, bei Insektenstichen oder leichten Verbrennungen hervorragende Dienste leisten kann. Die angesprochenen Polysaccharide wirken entzündungshemmend, juckreizstillend, antibakteriell und bilden einen natürlichen Schutzfilm.
Aloe Vera kann außerdem innerlich die Verdauung leicht anregen, in hohen Konzentrationen wurden für einige Inhaltsstoffe immunmodulatorische Eigenschaften festgestellt. (1)

Grundsätzlich ist also überhaupt nichts gegen die innerliche oder äußerliche Anwendung von Aloe Vera zu sagen.

Aber (und das ist ein wichtiges Aber):
Als ausschließlicher Ersatz für die extrem nährstoffreichen Innereien beim barfen, dafür eignet sie sich nicht.
Es ist einfach nicht möglich, die kompletten Nährstoffe aus Leber, Niere, Milz, Lunge alleine durch die Zugabe von etwas Aloe-Vera-Gel zu ersetzen.

Es wäre zwar schön, wenn das so wäre – dann müsste man als Ernährungsberater in solchen Fällen nämlich deutlich weniger rechnen und hätte die ultimative Allround-Wunderwaffe. Gerade auch für Allergiker.
Aber das Leben ist halt kein Ponyhof oder wie war das? 😉

Werden  außer dem Aloe-Vera-Gel keine weiteren Futterbestandteile oder Futterzusätze zur Bedarfsdeckung von fettlöslichen Vitaminen oder Spurenelementen zugefügt, dann kann es längerfristig zu einer Unterversorgung kommen.
Wenn Du also wirklich keine Innereien füttern kannst, dann ist es unumgänglich, dass man genauer hinsehen muss, mehr rechnen muss und nicht einfach auf Aloe Vera-Gel als Ersatz zurück greifen kann.

Und zur Schadstoffbelastung von Innereien: Das sollte man realistisch betrachten. Schadstoffe können sich heute leider in relativ vielen Lebensmitteln und damit auch Futterbestandteilen verbergen. Und in Relation zu den prozentual gefütterten Mengen bei BARF sind sie vermutlich nicht belasteter als vieles andere auch. Und durch Kauf entsprechender Qualität kann man dieses Problem auch weiter reduzieren.

Rohfütterung bedeutet auch, sich mit  Nährstoffen auseinander zu setzen

Eine dauerhafte Unterversorgung mit Vitaminen / Spurenelementen, weil man aus irreführenden Informationen heraus Vorbehalte gegen die Fütterung von Innereien hat, ist dagegen tatsächlich gefährlich!

Deswegen: Hinterfrag im Zweifelsfall bestimmte Dinge.  Gerade wenn es um die Nährstoffversorgung geht, weil man bestimmte Dinge nicht füttern kann oder füttern möchte.
In diesen Fällen muss die Frage immer lauten: Ist in was-auch-immer die benötigte Menge der Nährstoffe enthalten, um die es in der Rohfütterung geht? Welche genau, in welcher Menge? Kann das funktionieren?

Mit diesen ganz einfachen  Grundüberlegungen kann man vermeiden, dass viele Fütterungsfehler gar nicht erst entstehen.

 

(1) Im, Lee et al,  In vivo evidence of the immunomodulatory activity of orally administered aloe vera gel. 2010

 

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