Fütterung – das ist doch ein Luxusproblem!

Fütterung – das ist doch ein Luxusproblem!

Ernährungsberatung für Hunde und Katzen? Was soll das denn?! Das ist ja wohl echt ein Luxusproblem!

Es ist nicht so, dass ich das nicht schon mehr als einmal gehört hätte und ich kann diese Sichtweise sogar verstehen. Auch „Tierheilpraktikerin“ verursacht schon mal eine hochgezogene Augenbraue, ein mildes Lächeln und ein höflich intoniertes „Ach?“.

Wenn man einen quietschgesunden Hund hat und sich noch nie mit dem Thema Ernährung beschäftigt hat, einfach nie musste – da erscheint so etwas ziemlich sicher wie eine Idee vom anderen Stern.

Hätte Geronimo keine Futtermittelallergie gehabt, wäre ich sicherlich auch nie auf die Idee gekommen, dass Trockenfutter für Katzen keine gute Idee ist. Glücklicherweise war der Dicke da etwas schlauer als ich, wenn man es denn so sehen will.  (Aber er war halt ohnehin ziemlich clever.)

 

Ist es ein Luxusproblem, sich genauer mit der Fütterung unserer Tiere zu beschäftigen?

Ja, klar, in gewisser Weise schon.

Jetzt müssen wir aber in genau diesem Punkt ehrlich zu uns selbst sein: Trotz allem, aller sozialen Mißstände (die nicht von der Hand zu weisen sind) leben wir auch abseits der Tiernahrung durchaus ganz kuschelig.
Wir haben Probleme, die eben manchmal nicht unbedingt existentiell sind und die uns trotzdem beschäftigen. Und dazu gehört ganz klar, dass wir uns um das Wohlergehen und die Gesundheit unserer Vierbeiner sorgen, wenn wir mit ihnen zusammen leben.

Gestern bin ich durch einen Fernsehbeitrag gezappt, in dem das Wort „Familienmitglied“ in Bezug auf Hunde vom Kommentator mit leicht ironischen Anführungszeichen im Tonfall versehen wurde.
Warum? Eigentlich ist doch klar, dass Hunde und Katzen auf ihre Art und Weise zur Familie gehören. Was nicht automatisch heisst, dass man sie vermenschlicht.

Der Bezug zum Tier hat sich verändert, das hat sicherlich nicht nur positive Facetten. Auch klar.

Einiges ist zuviel. Da kann man jetzt über alles Mögliche diskutieren, über das richtige Maß, über Bindung,  über die auch bei BARFen immer wieder mal auftauchende Frage, was denn nun artgerecht ist.

 

Ernährung unterliegt Veränderungen

Fakt ist: Unsere Einstellung zum Tier mag sich verändert haben, aber auch die Fütterung hat sich im Laufe der Zeit erheblich verändert.

60 Jahre wohlgeformtes Getreide-Soja-Geschnetzeltes mit einem Hauch tierischer Bestandteile und gewürzt mit Glutamat, Aromastoffen und, nennen wir es mal der Kurzform halber, Zeugs, gehen an Carnivoren nicht spurlos vorbei.

Das sehen wir an den Allergien, den chronischen Darmentzündungen, den wiederkehrenden Ohrentzündungen, den Harnsteinen, dem Übergewicht, den Arthrosen, die ihren Ursprung in den Kohlenhydrat-Bömbchen namens Welpenfutter genommen haben. Der Zusammenhang zwischen Ernährung und Erkrankung ist aber oftmals kein direkter, nichts, was offen zu Tage liegt.

Bis Erkrankungen sich ihren Weg bahnen, sind manchmal Jahre vergangen und es wurden x Futtersorten gefüttert.
Bei Allergien kann man diesen Zusammenhang meist klar dokumentieren (Futter weg, Juckreiz weg), bei vielen anderen Erkrankungen ist es weit schwieriger.

Physiologische Veränderungen passieren eben oft nicht von heute auf morgen. Und sind nicht immer von außen sichtbar.
Dass der PH-Wert des Urins nicht stimmt oder die Zusammensetzung der Darmflora nicht passt, das sieht man erstmal nicht.
Man sieht nur die Symptome.

Deswegen greift auch das Argument nicht, das ich ebenfalls oft höre: „Ich seh doch, ob es meinem Hund gut geht!“
Richtig. Aber genauso gut eben nicht richtig.

Dass es dem Hund nicht gut geht, sehen wir woran? An äußeren Symptomen. Alles, was in der Zwischenzeit, also bis zum Symptom passiert, sehen wir nicht unbedingt.

 

Normal ist eine Frage der Perspektive

Wir sind im Normalfall nicht gewohnt, uns über Tierfütterung Gedanken zu machen. Fütterung ist etwas, bei der die Industrie es geschafft hat, in unseren Köpfen eine Notwendigkeit (nämlich die Fütterung unserer Haustiere) mit einer einzigen möglichen Lösung (Fertigfutter) zu verbinden.

Ein Hund bekommt Hundefutter. Und eine Katze halt Katzenfutter. Dazu kauft man einen Sack oder ein paar Dosen irgendwo. Und je teurer das Futter, desto hochwertiger ist es natürlich. Was denn sonst?

Das zu schaffen, ein Bedürfnis zu wecken und die Lösung gleich mit zu verkaufen – mir fällt auf Anhieb wirklich kein anderer Wirtschaftszweig ein, in dem das so gut und so flächendeckend geglückt ist. Das ist in Sachen Verkaufspsychologie und Marketing tatsächlich eine Leistung, zweifelsohne.

Oder anders formuliert: Die Idee, Futter selber zu machen, scheint vielen absurd. Obwohl es doch eigentlich so viel absurder ist, einem Hund oder einer Katze tagtäglich etwas zu füttern, was im döofsten Fall aus Industrie-Nebenprodukten besteht und mit künstlichen Vitaminen angereichert wird. Und Zusatzstoffen, damit das Endprodukt gefressen wird.

Während für den Menschen der Zusammenhang zwischen Ernährung und Erkrankung allgemein bekannt ist, ist das bei Hunden und Katzen also noch lange nicht so.

Aber bei jedem Lebewesen besteht dieser Zusammenhang. Passt die Ernährung nicht, wird der Körper zur Kompensation gezwungen, was immer auch eine gewissen Weile gut geht. Und danach nicht mehr.
An Erkrankungen der Organe kann man das besonders gut sehen: Symptome einer Niereninsuffizienz bei Katzen tauchen erst auf, wenn über 75% der Nieren ihre Funktion eingebüßt haben. Schilddrüsenunterfunktionen werden nach außen sichtbar, wenn zwischen 75 und 90% des Schilddrüsengewebes schon keine Hormone mehr produziert / ausschüttet.

 

Der Unterschied: Wissen.

Und ja, vor 100 Jahren hat sich niemand Gedanken um Tierfütterung gemacht und irgendwer kennt immer einen Hund, der mit Billig-Hundefutter uralt geworden ist.
Der min-des-tens  (an dieser Stelle bitte eine beliebige Anzahl Til-Schweiger-Gedächtnis-Ausrufezeichen denken 😉 ) 20-jährige Hund des Onkels irgendeines Großonkels, der wirklich nur mit Discounterfutter oder Essensresten so alt wurde, taucht in jeder Diskussion um Hundefutter spätestens nach in der dritten Minute auf. Allerspätestens.

Aber Alter bedeutet nicht gleich Lebensqualität.
Und Alter hat nicht nur alleine mit der Fütterung zu tun, sondern auch mit genetischen Anlagen. Das greift als Argument also nicht. (Und wie alt wäre der Hund vielleicht geworden, wenn man ihn auch noch besser gefüttert hätte? ;-))

Was ich sagen will: Ja, natürlich ist es ein bißchen Luxus, sich um die Ernährung seines Hundes oder seiner Katze Gedanken zu machen. Machen zu können.
Aber vor allem ist es auch angewandtes Wissen.  Das Wissen, das nicht Zusatzstoffe und Allergene im Tier landen. Zu wissen, dass man so viel wie möglich tut, um sein Tier nicht krank zu füttern.
Nicht jedes Fertigfutter ist ganz furchtbar gruselig. Aber es ist Fertigfutter, mit allen Vor-und Nachteilen. Und bequeme Lösungen sind in den seltensten Fällen perfekt.

Vielleicht ist es also auch ein Luxus, sich erst Gedanken machen zu müssen, wenn etwas in der Ernährung eben nicht mehr funktioniert.

Deswegen: Bleib neugierig. Hinterfrag, diskutiere, ziehe eigene Schlüsse. Oder kurzum: Es ist etwas Gutes, sich Gedanken zu machen.

 

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