Stichwort Übersäuerung – Phantom oder Phänomen?

Stichwort Übersäuerung – Phantom oder Phänomen?

Was ist eigentlich dran an der Aussage, dass Hunde und Katzen übersäuern?

Gerade im Zusammenhang mit der Rohfütterung ist aktuell immer öfter  zu lesen (bzw. zu hören), dass zuviel rohes Fleisch zu einer „Übersäuerung“ führe.
Die Abhilfe soll dann die Erhöhung des pflanzlichen Anteils in der Fütterung schaffen, oder auch der Zusatz von speziellen Basenpulvern. Was hat es mit der Übersäuerung auf sich, auf was muss man achten, wenn man roh füttert?

Erst einmal müssen wir verschiedene  Begrifflichkeiten voneinander abgrenzen bzw. voneinander trennen.
Übersäuerung ist nicht gleich Übersäuerung, sozusagen.

Bzw. wird der Ausdruck oft sehr pauschal benutzt. Wenn man genauer hinschaut, dann kann man diesen Überbegriff „Übersäuerung“ aufteilen in:

  • eine Azidose
  • chronische Übersäuerung
  • Überproduktion von Magensäure

Schauen wir uns mal genauer an, was damit im Einzelnen gemeint ist.

 

Azidose

Als erstes wäre da: Die Azidose, genauer, die metabolische Azidose. Meint: Eine stoffwechselbedingte Übersäuerung des Körpers bzw. des Blutes.
Was dahinter steckt, ist relativ komplex.
Grundprinzip ist das Gleichgewicht des Säure-Basen-Haushalts. Säuren und Basen fallen permanent im Körper an. Sie werden in den Körperzellen gebildet, zudem fallen im Körper kontinuierlich Stoffwechselendprodukte an, die sauer oder basisch sind.

Damit das sensible Verhältnis zwischen Säuren und Basen trotzdem aufrecht erhalten bleibt, sind sogenannte Puffersysteme notwendig.
Es gibt unterschiedliche Puffersysteme, das Bekannteste sind vermutlich die (Bi-)Carbonate, die Säuren chemisch abpuffern.
Außerdem hat der Körper die Möglichkeit, über die Lunge  (respiratorische Kompensation, also die Abatmung des angefallenen Kohlendioxids) und Ausscheidung über die Nieren (renale Kompensation) in den Säure-Basen-Haushalt einzugreifen.

Das Problem: Der Rahmen, in dem sich das Gleichgewicht des Säure-Basen-Haushalts bewegt, ist relativ sensibel und eng.

So liegt der physiologische PH-Wert des Blutes zwischen 7,36 und 7,44 , pauschal wird oft der Mittelwert von 7,4 angegeben.
Sinkt der PH-Wert im Blut unter 7,36, liegt eine Azidose vor.

Zuviel Säure im Blut bewirkt, dass die Elastizität der roten Blutkörperchen verloren geht, sie also starr bzw. unbeweglich werden und so die Fließeigenschaft des Blutes verringert wird. Was logischerweise irgendwann lebensbedrohlich wird.

Das passiert dann, wenn soviel Säuren bewältigt werden müssen, dass die Pufferkapazitäten des Körpers erschöpft sind. Das kann beispielsweise bei einer Einschränkung der Lungen- bzw. Nierenfunktion durch chronische oder akute Erkrankungen geschehen, aber z.B. auch bei absoluter Mangelernährung.

Der Urin-PH-Wert ist übrigens unabhängig von dem des Blutes!
Also bitte nicht auf die Idee kommen, dass automatisch eine Azidose vorliegt, weil der PH-Wert des Urins im basischen Bereich liegt.
In diesem Fall stimmt meistens die Zusammensetzung der Fütterung nicht. Bei Carnivoren verschiebt sich der PH-Wert des Urins ins Basische, wenn zuviel pflanzliche Bestandteile gefüttert werden.

Eine echte Azidose ist ein pathologischer, also ein krankhafter Zustand, der im Akut-Fall tierärztlicher Behandlung bedarf.

Getreide1

 

Chronische Übersäuerung

Dann gibt es noch den Begriff der chronischen Übersäuerung. Und hier fängt es an, etwas schwammig zu werden.

Die Theorie der chronischen Übersäuerung geht davon aus, dass sich im Gewebe durch falsche Ernährung, durch Medikamente oder Umweltgifte, zu wenig Bewegung oder Nährstoffdefizite Schlackestoffe ansammeln, durch die der Körper übersäuert.
Der Begriff „Schlackestoffe“ ist auch nicht wirklich genau (hier hatte ich etwas mehr dazu geschrieben), eigentlich sind es korrekterweise eben die Stoffwechselend- und -nebenprodukte.

Ursprünglich bezieht sich die Theorie der chronischen Übersäuerung auf den Menschen und besagt, dass bestimmte Lebensmittel z.B. in „säuernd“ und „basisch wirkend“ unterteilt werden.
Auf den Menschen bezieht sich beispielsweise auch die Einschätzung, dass Fleisch „säuernd“ wirkt. Und ja, für den Menschen ist mittlerweile auch eindeutig belegt, dass ein übermäßiger Fleischkonsum bestimmte Erkrankungen wie Gicht fördern kann. (1)

Allerdings liest man auch immer wieder mal und vor allem immer öfter auch für Hunde und Katzen die Empfehlung, keine grösseren Mengen Fleisch zu füttern, weil genau dies ebenfalls eine chronische Übersäuerung hervorrufen könne.

Nur fehlt das Wörtchen „chronisch“ in diesen Ratschlägen meistens und man hat somit keine Ahnung, ob eine pathologische Azidose gemeint ist oder eben jene chronische Übersäuerung.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Bei bestimmten Erkrankungen, schweren Allergien, physiologischen Besonderheiten oder Stoffwechselerkrankungen bleibt einem bei Hunden manchmal kein anderer Weg, als überwiegend pflanzlich zu füttern. Das sind Ausnahmen.

Bei Katzen zu hohe pflanzliche Anteile zu füttern, geht auf Dauer so gut wie immer schief.

Man merkt es vielleicht schon: Ich tue mich relativ schwer mit der Theorie der chronischen Übersäuerung.
Eben weil zum einen bei vermehrten Säuren im (gesunden) Organismus erst einmal die körpereigenen Schutzsysteme, also die Puffersysteme, einspringen.

Zum anderen bekommt man mitunter das Gefühl, dass die Übersäuerungstheorie oft als Substitut genutzt wird. Ein pauschaler Ausdruck für alles, was „dem Körper nicht gut tut“.

Es müssen selbstverständlich (auch in der Rohfütterung) ausreichend Nähr-und Mineralstoffe enthalten sein, damit körpereigene Systeme wie die oben angesprochenen Puffer einwandfrei funktionieren. Und schon sind wir wieder bei einer guten, ausgewogenen, vitalstoffreichen Fütterung.

Genauso sind die Dinge, die dem Körper gut tun, eigentlich bekannt, ganz selbstverständlich und leicht zu beherzigen:

  • eine unverarbeitete, nährstoffreiche, artgerechte Fütterung
  • ausreichende Bewegung ohne Überanstrengung oder Überforderung,
  • Stressvermeidung (sowohl psychisch als auch psychisch),
  • den Kontakt mit Giftstoffen so weit wie möglich zu reduzieren.

Welche bei unseren Hunden und Katzen z.B. Anti-Parasitika, Entwurmungen, Futterzusätze wie Konservierungsstoffe, Kontaktgifte etc. sein können.

Beherzigt man dies alles nicht, ist der Organismus anfälliger für Erkrankungen, zweifelsohne.

Beim Menschen gibt es ein schönes Beispiel dafür, dass der Begriff  „Übersäuerung“  nicht immer korrekt ist: Und zwar in Bezug auf die Muskulatur bei erhöhter Anstrengung.
Früher hat man als Ursache für Muskelkater Laktat verantwortlich gemacht, ein Salz der Zitronensäure und daraus den Ausdruck abgeleitet, der Muskel sei übersäuert. Heute geht man davon aus, dass es eigentlich Mikro-Verletzungen der Muskulatur sind, die den Schmerz hervorrufen. (Wobei sich Muskelkater kein bißchen besser anfühlt, nur weil man die tatsächliche Ursache kennt, ehrlich gesagt. ;-))

 

Prophylaxe statt Symptombekämpfung

Deswegen sollte da auch das Hauptaugenmerk liegen, insbesondere, was die Fütterung betrifft.
Du kannst Dich ganz einfach bei jedem Futterbestandteil selbst fragen: „Hat das einen Nährwert für mein Tier? Welchen? Wirklich?“
Damit ist man meistens schon mal ganz grob in der richtigen Richtung unterwegs.

Eine Kontrolle der Lebenssituation des Hundes oder der Katze sowie der Zusammensetzung der Fütterung sollte also immer an erster Stelle stehen, nicht die pauschale Empfehlung eines Basenpulvers oder ähnlicher Mittel.

Und ebenfalls klar ist: Je weniger unnötige Stoffwechselneben- und Endprodukte durch  übermäßige Getreideanteile, Toxine, schwer verwertbare Füllstoffe, Phthalate und Zusatzstoffe in den Organismus Deines Hundes bzw. Deiner Katze gelangt, desto besser. Nicht nur für den Stoffwechsel bzw. Leber und Nieren.

Es gibt aber noch einen weiteren Punkt und der tritt relativ häufig auf: Die Magensäure-Überproduktion bei Hunden und Katzen.

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Magensäure-Überproduktion bei Hunden und Katzen

Es gibt typische Anzeichen für zuviel Magensäure: Hunde speicheln vermehrt, schmatzen, stoßen auf, fressen anfallartig jede Menge Gras nach Fütterung, manchmal auch Erde, lecken sich vermehrt die Schnauze oder auch den Fußboden /glatte Gegenstände ab, erbrechen bei nüchternem Magen, riechen aus dem Maul.

Bei Katzen steht oft das Erbrechen im Vordergrund. Wobei man bei Katzen und vermehrtem Erbrechen auch immer mal die Nieren kontrollieren lassen sollte, denn bei einer CNI sind Erbrechen, Appetitlosigkeit und Übelkeit ebenfalls typische Symptome.

Magensäure-Probleme sind meistens mit Schmerzen verbunden. Das kennst Du, wenn Du schon einmal Sodbrennen hattest oder eine Magenschleimhautentzündung.
Den Ursachen für die Probleme muss man also in jedem Fall so schnell wie möglich auf den Grund gehen, um die Schmerzen einzudämmen.

Was sind die Ursachen?

Leider kommen viele Ursachen in Betracht. Und die Suche danach ist nicht immer unbedingt einfach.
Was man in jedem Fall auch im Hinterkopf behalten sollte, gerade bei Hunden: Die Anzeichen für die Produktion von zu wenig Magensäure können denen einer Überproduktion sehr ähnlich sein.

Auslöser für Symptome einer Übersäuerung sind beispielsweise:

  • Futtermittelunverträglichkeiten
  • akute oder chronische Gastritis / Magengeschwür
  • Schwäche des Ringmuskels zwischen Magen und Speiseröhre
  • Fütterung eines sehr hohen Getreideanteils
  • IBD (Inflammatory Bowel Disease)
  • Dysbakterie
  • Fütterungen, die immer zur selben Uhrzeit erfolgen
  • Dauerhafte Verwendung von Schmerzmitteln oder Cortison
  • Bakterien oder Viren
  • Rassedisposition
  • Dauerhafte Zufütterung von Heilpflanzen, die einen hohen Anteil Bitterstoffe enthalten (Teufelskralle z.B.)
  • Bei der Rohfütterung: Fütterungszusammensetzung, die der Hund nicht verträgt
    => zu viel Fett, zu hoher Knochenanteil, pflanzliche Bestandteile, zu geringer Fleischanteil, in besonderen Fällen auch ein zu hoher Fleischanteil

Ein Megaösophagus kann für vermehrten Reflux (also das Aufsteigen der Magensäure in die Speiseröhre) sorgen, wobei dabei nicht zwangsläufig ein Zuviel an Magensäure das Problem ist.

 

Stress und Magenprobleme 

Ein weiterer Faktor, der zwar eher sekundär eine Rolle spielt, den man aber nicht unterschätzen darf, ist Stress.

Stress (und dabei ist egal, ob dieser aus einer geänderten Lebenssituation, Über-oder Unterforderung, anderweitigen Schmerzen oder Umweltreizen entsteht) hat direkte physiologische Auswirkungen: Der Sympathikus als Teil des vegetativen Nervensystems wird aktiviert, und versetzt den Körper in erhöhte Alarmbereitschaft.

Die Aktivität des Sympathikus hat aber zur Folge, dass sich der Körper auf alle Maßnahmen konzentriert, die ihm bei erhöhter Aktivität und Leistungsbereitschaft nützlich sein können.
Verdauung gehört nicht dazu. Was wiederum bedeutet, dass Blut aus der Magenschleimhaut an andere Stellen des Körpers transportiert wird, wo es leistungssteigernd wirkt (z.B. zum Herzen).

Die geringere Durchblutung der Magenschleimhaut bewirkt leider mehrere Dinge: Es wird weniger schützender Magenschleim produziert, die Haltefunktion des Schließmuskels zwischen Magen und Speiseröhre kann geschwächt werden und die Nährstoffversorgung wird verringert.

Womit die Entstehung einer Gastritis sowie eines Reflux begünstigt wird.
Steht Dein Tier ständig oder zu oft unter Stress, dann gibt es zu wenig Phasen, in denen der Gegenspieler, der Parasympathikus, sich um die Aufgaben wie die Verdauung kümmern kann und der Körper zur Ruhe kommt.

 

Wie bekommt man das Problem in den Griff?

Welche Lösungsansätze es gibt, hängt stark vom Auslöser ab.

Fütterungsstrategien

Relativ einfach zu beheben ist sind die Ursachen, die stark mit dem Fütterungsmanagement verknüpft sind, wie feste Fütterungszeiten oder die Anzahl der Fütterungen pro Tag.

Du kannst z.B. die Tagesration in mehrere kleine Portionen aufteilen mit einer letzten Fütterung kurz vor der Nachtruhe.
Manchmal kann paradoxerweise auch das „All-You-Can-Eat“-Prinzip Abhilfe schaffen, aber Vorsicht: Diese Art der Fütterung muss behutsam und langsam aufgebaut werden und ist nichts, was von heute auf morgen angewendet werden kann oder für jeden Hund geeignet ist. Da bitte unbedingt fachlich beraten lassen.

Den Schwerpunkt auf die Fütterung von Fleisch am Stück und auf weniger gewolftes Fleisch zu legen, kann ebenfalls zur Besserung der Situation beitragen.
Auch ob und wann die Fütterung von rohen fleischigen Knochen funktioniert, muss man ausprobieren.
Werden ab und zu mal morgens Rest von rohen fleischigen Knochen erbrochen, ist dies nicht unbedingt ein Hinweis auf ein Problem oder zuviel Magensäure.

Hunde erbrechen dann die Reste, die über Nacht von der Magensäure nicht aufgelöst werden können. In den meisten Fällen ist das kein Grund zur Sorge. Wenn es häufiger vorkommt, kannst Du trotzdem überlegen, ob Du weniger  (oder weniger massiver) Knochen fütterst bzw. die Fütterung auf morgens legst.

Andere Ursachen? Schon schwieriger

Ist eine Gastritis der Auslöser, werden in den milden Fällen oft Schonkost, in immer wiederkehrenden / chronischen Fälle meist Säureblocker bzw. ein chemischer Schleimhautschutz verordnet. Chemische Säureblocker haben auf lange Sicht den Nachteil, dass sie auch einen negativen Einfluss auf die Nährstoffverwertung haben können und Bakterien / Keime sich durch die weniger aggressive Magensäure nicht effektiv abgetötet werden.

Alternativ oder ergänzend kann auch mit Heilpflanzen arbeiten, die die Schleimhäute des Magen-Darm-Trakts schützen. Wie etwa Slippery Elm Bark, Eibisch oder Malve.

Kräuter oder Kräutermischungen mit einem hohen Anteil an Bitterstoffen (Teufelskralle, Ingwer, Tausendgüldenkraut etc.) solltest Du immer nur kurweise füttern, eine dauerhafte Anwendung kann ebenfalls eine vermehrte Magensäureproduktion und die damit verbundenen Probleme begünstigen.

Steht der Verdacht einer Futtermittelunverträglichkeit im Raum, kann eine Ausschlußdiät Klarheit bringen.

Und ja, es ist leider so: Wenn die Ursachen nicht unmittelbar in der Fütterung zu finden sind, dann wird die Forschung nach den Ursachen oft langwierig. Meist ist der erste Weg, die akuten Symptome abzustellen und Schmerzen zu lindern, danach muss man sich oft Schritt für Schritt vortasten.

(1) Ankli, Barbara: Gicht. Neues zur Epidemiologie, 2016

 

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