Warum Perfektion allein kein gutes Futter macht oder: Wie exakt musst Du bei BARF eigentlich füttern?

Warum Perfektion allein kein gutes Futter macht oder: Wie exakt musst Du bei BARF eigentlich füttern?

Hast Du Dich nicht auch schon einmal gefragt, ob Du beim BARFen alles richtig machst?
Nach vielen Jahren mit Fertig-Futter scheint es mitunter schwer, den Glauben in die eigenen Fähigkeiten und Überlegungen wieder zu gewinnen.

Denn machen wir uns nichts vor: Es ist mitunter doch ganz schön, wenn uns Verantwortung abgenommen wird.
Wenn man sich einfach um eine Sache im Alltag weniger Gedanken machen muss. Wenn alles auch mal einfach und unkompliziert ist.

Schließlich suggerieren uns industrielle Futtermittelhersteller mit Hochglanzpackungen und wunderschön abgelichteten  Tieren, dass in ihren Futtersorten alles enthalten ist, was Hund / Katze für ein langes, gesundes Leben benötigt.

Und dann ist Futter nicht nur einfach Futter. Sondern man profitiert auch von Zusatznutzen wie “Anti-Zahnstein”, “optimaler PH-Wert” oder “leichter Verdauung”. Wer rechnet schon nach, wie es um den Proteingehalt oder den Gehalt an fettlöslichen Vitaminen bestellt ist?

Die Hochwertigkeit der verwendeten Fleischsorten – sofern Fleisch enthalten ist – sei an dieser Stelle mal ganz außen vor gelassen.

Wenn man also an “perfektes” Futter für jede Altersklasse und jede Lebenssituation gewöhnt ist, wird man bei der Umstellung auf BARF / Rohfütterung sehr schnell sehr unsicher.

Denn wie, um Himmels Willen, soll man auch nur ansatzweise selber Futter zusammen stellen können, dass diesen Ansprüchen gerecht wird? Was, wenn mein Tier Mangelerscheinungen bekommt, weil ich etwas nicht richtig mache?

 

Wie perfekt muss Futter eigentlich sein?

An dieser Stelle ist der Zeitpunkt gekommen, dass Du Dir einige wesentliche Punkte noch einmal verdeutlichst:

1. Carnivor = Fleischfresser

Für Carnivoren, insbesondere strikte Carnivoren wie Katzen, kann die Basis eines “perfekten” Futters im Sinne von artgerechtem, hoch verwertbaren Futter nur eine Fütterung sein, die auf Fleisch basiert. (Huch!)

Pflanzliche Bestandteile in großen Mengen sind für Katzen so gut wie gar nicht und für Hunde schwerer als Fleisch und fleischige Komponenten verwertbar.

Bei der Verwertung von Stärke und Kohlenhydraten fallen z.B. mehr metabolische Nebenprodukte an, die der Körper relativ aufwändig über Leber und Niere abbauen muss.

Die Anfälligkeit der Nieren bei Katzen dürfte hinlänglich bekannt sein, aus meinen persönlichen Beobachtungen in den letzten Jahren nehmen chronische und akute Nierenerkrankungen jedoch auch bei Hunden tendenziell zu.

 

Die Sache mit den Kohlenhydraten

2013 gab es eine viel zitierte Studie von schwedischen Forschern, die auf Unterschiede im Erbmaterial von domestiziertem Hund und Wolf stießen.

Für besondere Aufmerksamkeit sorgte dabei der Fund eines Gens, dass den Hund vom Wolf unterscheidet: Eine Variante des Gens für Maltase-Glukoamylase. Dieses Enzym ist für den Abbau von pflanzlicher Stärke zuständig und wurde bis zu diesem Zeitpunkt nur bei Pflanzenfressern gefunden.

Daraus resultierend wurde der Schluß gezogen, dass der Hund sich im Laufe der Zeit an die Verdauung pflanzlicher Stärke angepasst hat. Angepasst an das Nahrungsangebot, dass sich im Zusammenleben mit dem Menschen auftat.

Hunde können Stärke also offensichtlich etwas besser verdauen als Wölfe, gemäß der Studie liegt die Verwertbarkeit etwa 5 x höher als beim Wolf.

Das klingt erst einmal viel, relativiert sich allerdings dann wieder, wenn man bedenkt, dass der Wolf Stärke nur minimal verwerten kann.
5 x mehr als mimimal ist immer noch ziemlich wenig. 😉

Auch diese Studie kann also nicht für die Legitimation von einem Getreide- oder Stärkeanteil im Hundefutter dienen, die die 30%-Marke oft bei weitem überschreitet. Das sind sozusagen leere Kalorien, die gerne mal auf den Hüften landen.

Mittlerweile wurde diese These auch schon wieder modifiziert: Das in der Studie entdeckte Gen ist nicht bei allen Hunden gleichermaßen vorhanden, die Verteilung ist offenbar individuell unterschiedlich. (1)

 

Katzen und Kohlenhydrate  – keine gute Kombi

Für Katzen wiederum sind Kohlenhydrate zur Energiegewinnung ohne Nutzen. Das funktioniert physiologisch nicht, weil es nicht funktionieren muss: Die typischen Beutetiere der Katzen enthalten kaum Kohlenhydrate.

Kohlenhydrate können also nur als Ballaststoffe genutzt werden.
Futter mit einem hohen Getreide- / Stärkeanteil treibt bei Katzen schlichtweg den Blutzuckerspiegel in die Höhe, was ein Hauptgrund für die zunehmenden Diabetes mellitus-Erkrankungen bei Katzen ist.

Auch daher bedingt, dass diese nicht verwertbaren Kohlenhydrate in Depotfett umgewandelt werden und gerade bei reinen Hauskatzen dann auch mal das ein oder andere Kilo zuviel nach sich zieht. Also: einfach lassen.

 

2. Artgerechtes Futter sorgt dafür, dass viele Probleme gar nicht erst auftreten

Viele Zusatzstoffe oder “Zusatznutzen” von industriellem Futter wären nicht notwendig, wenn das Futter als solches artgerecht wäre.”
Nehmen wir mal den Zusatzstoff DL-Methionin, der in vielen Trockenfuttersorten für Katzen zur Harnansäuerung beigesetzt wird.

Warum?

Wenn Trockenfuttersorten einen hohen Anteil Getreide oder Stärke aufweisen, sorgt dies dafür, dass das Urinmilieu alkalisch wird. Naturgemäß normal bei einem Fleischfresser wäre aber ein leicht saurer PH-Wert des Urins. Durch dauerhaft alkalischen Urin werden z.B. Harnwegserkrankungen wie bakterielle Blasenentzündungen bzw. die Bildung von Struvitsteinen begünstigt.
Also werden stark getreidehaltigen Futtersorten z.B. DL-Methionin zugefügt, das den Harn künstlich ansäuert, um dieses Problem zu umgehen.
Man kann natürlich auch einfach einem Carnivoren Fleisch füttern und erzielt automatisch einen sauren PH-Wert des Urins.
(Aber nee, das wäre vermutlich etwas zu einfach.)

Beispiel Zahnstein: Auch wenn das Maß der Zahnstein-Bildung z.T. genetisch bedingt ist, durch das Benagen von Knochen oder das Fressen von ausreichend grossen Fleischstücken, kurz gefasst, durch ein ausreichendes Kauverhalten, werden Zahnbeläge auf natürliche Art reduziert.

Auch wenn das gerne als Hauptargument für Trockenfutter angeführt wird: Das kurze Zerknacken der einzelnen Pellets kann das nicht ersetzen.

 

3. Sich verdeutlichen, was worin enthalten ist (und was evtl. fehlt)

Füttert man roh, spielt die Zusammenstellung des Futters eine besondere Rolle. Was wiederum bedeutet, dass man eine Vorstellung davon haben sollte, WARUM man einzelne Bestandteile füttert. Oder anders: Welche Komponenten welche Nährstoffe, Vitamine und Mineralstoffe liefern können. Und in welchen Mengen sie benötigt werden. Und daraus resultierend: Wann man ggffls die Fütterung mit Zusätzen anreichern sollte.

Eine gute Übersicht, welche Fleischsorten, Innereien und Fischsorten welche Vitamine und Mineralstoffe in nennenswerten Mengen enthalten, findest Du hier: http://www.k9raw.com/pdf/Nutrients.pdf

Oder Du lädst Dir hier im Blog die Nährstoffliste für BARFer herunter: http://barf-blog.de/naehrstoffliste/

 

4. Sich fragen, warum die Ernährung von Hunden und Katzen schwieriger sein sollte als die eigene

Für uns selbst haben wir doch eigentlich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was “gesund” ist.

Viel Obst und Gemüse, Vollkorn statt Weißmehl, weniger Zucker, wenig gesättigte Fette, Salz in Maßen.
Und vielleicht schaffen wir es nicht immer, uns nach diesen Richtlinien zu ernähren, aber wir können im Normalfall gut einschätzen, wie weit wir davon entfernt sind.

Katzen und Hunde benötigen im Gegensatz zu uns Omnivoren eine spezifischere Ernährung, das ist nicht von der Hand zu weisen.

Aber das ist kein Grund, sich die ausgewogene Fütterung seines Vierbeiners nicht zuzutrauen! Es ist richtig und wichtig, sich einzulesen, sich schlau zu machen und sich hin und wieder auch selbst zu überprüfen (oder überprüfen zu lassen). Das ist gar keine Frage, völlig ohne Hintergrundwissen geht es nicht.

Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage, dass Du das wahrscheinlich ohnehin machst – weil Du möchtest, dass es Deinem Tier gut geht.
Egal, ob es sich um Impfungen dreht, um Hundeerziehung, um Kastration oder eben um die Fütterung: All das sind Themen, die zum Teil in der Hunde- und Katzenwelt sehr kontrovers diskutiert werden.

Das heisst, sie begegnen uns früher oder später irgendwann  im Leben unseres Tieres und wir setzen uns damit auseinander.
Wir informieren uns, wir eignen uns Wissen an, wir fragen andere, kurzum: Wir durchlaufen den ganz normalen Prozess der eigenen Meinungsfindung.

Der einzige Grund, warum wir das bei der Fütterung vielleicht nicht tun – und ja, das ist eine etwas unbequeme Wahrheit – ist unsere eigene Bequemlichkeit.

Nichts ist so einfach, wie Doseninhalt in den Napf zu löffeln oder einen Sack Futter zu öffnen, vor allem, wenn uns dabei das gute Gefühl vermittelt wird, alles richtig zu machen.

Wir müssen also bei der Hunde- oder Katzenfütterung vielleicht wieder ganz von Vorne anfangen und Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten gewinnen.

Die Erfolgsformel dafür heisst: Grundlagenwissen aufbauen und eigene Erfahrungen sammeln.

 

5. Sich verdeutlichen, dass alle Bedarfswerte Richtwerte sind

Die ermittelten Bedarfswerte für Hunde und Katzen kann man natürlich einfach nachlesen.

Der NRC empfiehlt für Hunde beispielsweise eine Menge von 75 i.E. Vitamin A pro Kilo Körpergewicht und Tag als Mindestzufuhr und geht davon aus, dass mit 100 – 150 i.E. pro Kilo Körpergewicht und Tag der Bedarf an Vitamin A sicher gedeckt ist (1 iE entspricht 0,3 µg Retinol und 1,8 µg ß-Carotin).
Hier zeichnet sich schon ab, dass die Angaben über einen gewissen Spielraum verfügen. Plus, die Werte sind auf Basis von mit Fertigfutter (also in Bezug auf synthetische Vitaminisierung) erstellt worden. Nicht in Bezug auf BARF / Rohfütterung.

Wir haben aber noch ein Problem, dass man gut erkennen kann, wenn man sich den Gehalt an Vitamin A in verschiedenen Lebensmitteln ansieht:

LebensmittelVitamin-A-Gehalt pro 100g
Rinderleber 7800-15300 µg (25.000- 51.000 iE)
Dorschlebertran30000 µg (100.000 iE)
Hühnerleber3980 µg - 12800 µg (13.266 - 42666 iE)

Quellen: Bundeslebensmittelschlüssel; H. K. Biesalski, J. Schrezenmeir, P. Weber, H. Weiß: Vitamine, Physiologie, Pathophysiologie, Therapie, 1997; Lexikon Lebensmittelchemie, Eisenbrand / Schreier, 2006

 

Hier variieren die Angaben zu Gehalt je nach Quelle ganz beträchtlich.

Die Angaben werden mit dem teilweise variierenden Alter des Tieres zum Schlachtzeitpunkt, den Haltungs-und Futterbedingungen, bei Fischen nach Fanggebiet und Jahreszeit erklärt. Eine genaue Analyse haben wir als BARFer aber natürlich nicht, d.h., wir arbeiten mit Durchschnittswerten.

 

Bedarfswerte für Hunde und Katzen

Die Diskussion der populären Frage unter BARFern und Futterselbermachern, inwiefern die gängigen Bedarfswerte überhaupt auf roh gefütterte Hunde / Katzen zutreffen, ist ebenfalls noch nicht abschließend geklärt.

Unstrittig ist mittlerweile, dass synthetische Vitamine anderes verstoffwechselt werden als Vitamine aus natürlichen Quellen.

Gehen wir also davon aus, dass synthetisches Vitamin A für den Körper schlechter verwertbar ist als beispielsweise Retinol aus der gefütterten Leber, und gehen wir davon aus, dass die bei der Festsetzung der Bedarfswerte das künstlich hergestellte Vitamin A, das in konventionellen Futtermitteln zugesetzt wird, zu Grunde gelegt wurde, dann ist es logisch, dass der Bedarf an künstlichem Vitamin A höher läge.

Je schlechter die Quelle für einen bestimmten Stoff, ein Vitamin, ein Spurenelement für den Körper verwertbar ist, desto mehr muss zur Erhaltung aufgenommen werden.

Und: Wir kennen im Idealfall die Bedarfswerte, aber wir wissen nicht, wieviel der Körper unseres Tiers in dem Moment der Fütterung exakt benötigt.

Die Speicherkapazitäten für Vitamin A, D, E sind beispielsweise limitiert. An einem Tag, an dem wir Leber als Vitamin-A-Lieferant füttern, können wir nicht wissen, wieviel davon tatsächlich gerade direkt umgesetzt werden kann und wieviel ggffls in der Leber oder im Körperfett eingelagert wird.

Das ist auch nicht weiter schlimm: Weil kein Organismus stets passgerecht Nahrung zugeführt bekommt und trotzdem effizient arbeiten muss , ist er darauf ausgerichtet, Überschüsse und Defizite ganz automatisch ausgleichen zu können.

Solange diese Überschüsse und Defizite kein dauerhafter Zustand werden oder eine deutlich zu große Menge auf einmal zugeführt wird.

 

6. BARF basiert auf natürlichen Inhaltsstoffen

Selbst wenn wir jeden Tag dasselbe in exakt derselben Zusammensetzung von Muskelfleisch, Innereien und rohen fleischigen Knochen füttern würden, würden wir trotzdem nicht jedes Mal exakt dieselbe Menge an Nährstoffen, Vitaminen und Spurenelementen im Futter vorfinden.

Genauso ist es bei den natürlichen Beutetieren von Katzen oder Wölfen: 100%tig gleiche Mäuse gibt es nun mal nicht. Diese Gleichheit in diesem sehr eng gesteckten Rahmen gibt es nur bei industriell hergestellter und synthetisch vitaminisiertem / mineralisiertem Futter.

 

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Fazit

  • Grundlagenwissen ist das A und O. Und das ist so fundamental wichtig, dass ich den Satz ergänzend zu den vielen Malen, die ich ihn schon gesagt oder geschrieben habe, bestimmt noch viele etliche Male wiederholen werde. Mach Dich schlau! Lies, recherchiere, tausch Dich ausfrag.
  • Sorgfältigkeit bei der Auswahl und Zusammenstellung von BARF / Rohfütterung ist wichtig. Perfektion im Sinne des Bemühens, jeden Bedarfswert immer zu 100% in jeder Fütterung abdecken zu wollen, ist so unmöglich wie es unsinnig ist.
  • Lass Dich nicht unnötig verunsichern, schon gar nicht von pauschal getroffenen Aussagen : Es steht außer Frage, dass es möglich ist, Hunde- oder Katzenfutter selbst zuzubereiten. Und das gut und bedarfsgerecht.
  • Hinterfrag Deine Fütterung ruhig ab und an, gerade wenn Du bereits länger roh fütterst: Passt (noch) alles?
    Aber geh nicht grundsätzlich davon aus, dass es unmöglich ist, Deinen Hund oder Deine Katze ausgewogen zu ernähren, nur, weil Du die Futterzusammenstellung selbst in die Hand nimmst. Wenn Du unsicher bist, oder Dein Tier aufgrund von Erkrankungen eine besondere Fütterung benötigt, sprich mich gerne dazu an.

(1)  Amylase activity is associated with AMY2B copy numbers in dog: implications for dog domestication, diet and diabetes, M. Arendt, T. Fall, K. Lindblad-Toh, E. Axelsson, 2014

 

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